"Ich habe keine hohen Ansprüche und bin glücklich"

AA

"Genug zum Überleben? Das ist eine gute Frage. Ich lebe mit einer cerebralen Bewegungsbehinderung, habe keine hohen Ansprüche und bin glücklich. Ursprünglich schloss ich die dreijährige Handelsschule ab und arbeitete Teilzeit im ersten Arbeitsmarkt. Doch aufgrund psychischer Probleme verlor ich vor vielen Jahren diese Stelle und erhalte seit diesem Zeitpunkt eine volle IV-Rente.

Heute bin ich 50jährig, habe Weiterbildungen in der Psychologie abgeschlossen, bin in bescheidenem Rahmen als individualpsychologische Beraterin tätig und wohne in einer 1-Zimmer-Wohnung mit Kochnische in Zürich. Zweimal im Tag kommt die Spitex vorbei, einmal in der Woche bin ich dankbar um eine Haushaltshilfe. Um meine Spastik im Griff zu haben, gehe ich regelmässig in die Physiotherapie und in Shiatsu-Behandlungen. Ansonsten schaffe ich es selbstständig zu leben, und das ist mir wichtig.

Neben der IV-Rente erhalte ich eine Hilflosen-Entschädigung sowie Ergänzungsleistungen. Zudem beziehe ich noch eine kleine Invalidenrente aus der Pensionskasse; diese stammt aus meiner eingangs erwähnten früheren Teilzeittätigkeit im ersten Arbeitsmarkt. Finanziell reichen die Beiträge gerade zum Überleben. Ich kann kein Geld sparen und mir auch keinen Urlaub leisten; selbst günstige Ferien mit Behindertenorganisationen sind für mich zu teuer. Wenn ich Erspartes hätte würden die Ergänzungsleistungen gekürzt.

Aufgrund meiner Behinderung ist meine Motorik extrem langsam. Beruflich kann ich nicht so viel Gas geben wie ich möchte, meine psychische Stabilität kommt sonst in Gefahr. Ich wurde auch schon gefragt weshalb ich nicht mit Assistenz leben. Ehrlich gesagt scheue ich aufgrund meiner motorischen Einschränkungen den administrativen Aufwand, den die Dienstleistung „Assistenzbeitrag“ nach einer Zusage der IV nach sich zieht. Mit meiner beruflichen Tätigkeit verdiene ich mir ein Taschengeld, um mir mal einen Kinobesuch zu gönnen oder mit Freunden günstig auswärts essen zu gehen. Es stellt sich ja die Frage worin jeder für sich seine Prioritäten setzt. Ich investiere in Freunde, in persönliche Kontakte und Mobilität. Ich habe mich für Zürich als Wohnort entscheiden, weil hier der Behindertentransport relativ erschwinglich ist und ich dadurch mobil sein kann. Im Gegenzug bleibe ich auch mit 50 in einem kleinen 1-Zimmer-Logis."

Yvonne Luginbühl, Zürich

Mehr zum 3. Dezember

Seiten- Übersicht

Hinweis zu Cookies

Unsere Webseite verwendet Cookies, um Ihr Online-Erlebnis zu verbessern. Mit der weiteren Nutzung der Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.