04.11.2017 Tagung zum Thema "Spastik und verschiedene Behandlungsmethoden"

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Denn nach 15 Jahren Mitarbeit im Vorstand der Vereinigung Cerebral Schweiz trat ich im Oktober von diesem Amt zurück. Das ist nun für mich auch der Zeitpunkt, die Leitung der Arbeitsgruppe CerAdult, welche die Tagungen vorbereitet, in andere – jüngere und weniger spastische – Hände zu übergeben. Sehr gross war das Erstaunen, dass sich für die diesjährige Tagung so viele Leute interessierten, dass wir uns leider erstmals gezwungen sahen, etliche Interessierte abweisen zu müssen, was wir sehr bedauerten. 

Das Thema "Spastik" ist aber auch wirklich zentral für alle Personen mit einer cerebralen Bewegungsbehinderung. Was Spastik genau ist und wo es sich um automatische, der Spastik ähnliche Bewegungsmuster handelt, erklärte uns die Physiotherapeutin Frau Susanne Haus. Sie betonte, dass eine Zusammenarbeit zwischen Fachpersonen aus der Physiotherapie und dem behandelnden Arzt wichtig ist, um das Optimum für die betroffene Person zu erreichen. Das Trainingsprogramm ist – wie die Behinderung selbst – individuell sehr verschieden und muss mit der betroffenen Person stets neu gestaltet werden. Stichfragen: Was ist das Ziel der Behandlung? Was steht momentan im Vordergrund? 

Herr Dr. med. Andreas Disko, Facharzt in Neurologie, erklärte in seinem spannenden Referat die Wirkungsweise von Botolinumtoxin und dessen mögliche Anwendbarkeit zur Entspannung von stark spastischen Muskeln. Er wies jedoch auch auf die Gefahr hin, dass die Muskulatur nach einer Behandlung zu stark entspannt wird und eine Koordination der Bewegungen dadurch erschwert werden kann. Meine durch Erfahrung mit Injektionen berechtigte Frage, wie er bei verkrampften Muskeln oder unwillkürlichen Zuckungen mit seiner Nadel genau den für die Behandlung massgebenden Punkt treffen kann, konnte er verständlicherweise nur im Ansatz beantworten. 

Am Nachmittag führte uns Herr Dr. Fankhauser von der Apotheke Langnau im Emmental (bisher die einzige Apotheke in der Schweiz mit Bewilligung für den Verkauf von Cannabis-Präparaten) in die Geschichte des Hanfkrauts ein. Unter seinen ca. 1'500 Kundinnen und Kunden sind zunehmend auch Menschen mit einer cerebralen Bewegungsbehinderung. Er ist überzeugt von der entspannenden Wirksamkeit von Cannabis-Produkten bei starker Spastik, betonte aber auch mögliche Nebenwirkungen wie Müdigkeit oder Unkonzentriertheit. Vor allem wies er auf die Gefahren im Zusammenhang mit dem Strassenverkehr hin. Bei den neuen, an so genannten Hanf-Kiosken oder in Apotheken legal erhältlichen Cannabis-Präparaten nur mit dem Wirkstoff CBD (ohne THC) empfiehlt er eher vorsichtige Zurückhaltung wegen manchmal mangelnder Kontrolle der Zutaten.

Herr Marcel Kaiser berichtete von seinen positiven Erfahrungen, die er mit seiner Tochter Nicole machte, deren Spastik sich seit der Therapie mit einem Cannabis-Produkt erheblich verringerte. Er wies auf den schwierigen Weg hin, den Hausarzt zu überzeugen, das Bewilligungsverfahren beim Bundesamt für Gesundheit durchzuführen, und dass es Durchhaltevermögen und Eigeninitiative dazu braucht. Für ihn ist auch klar, dass Cannabis nicht bei allen betroffenen Personen gleich wirksam ist und deshalb wie jede andere Therapie individuell getestet werden muss.

Zum Abschluss berichtete Herr Alex Suarez, Qi-Gong-Therapeut, von seinen positiven Erfahrungen bei einem seiner Patienten mit einer Kombination aus klassischen Übungen des Qi-Gong und der Anwendung des australischen Blasinstruments Didgeridoo, das – wie manche Zuhörerinnen und Zuhörer bei seiner kurzen Demonstration selbst erlebten – einen beruhigenden Eindruck ausübt. Ein etwas "alternativer" Ansatz, der aber für den Klienten sehr positive Wirkungen zeigte. Auch Herr Suarez betonte die Zusammenarbeit mit dem behandelnden Arzt und eine Überprüfung der Wirksamkeit der Therapie.

Schön war, dass sich die Referentin und die Referenten auch ausserhalb ihrer Referatszeiten vor Ort noch Zeit nahmen, individuelle Fragen der Teilnehmenden zu beantworten. Diese Möglichkeit wurde rege benutzt. Ihnen allen danke ich für die spannenden und informativen Beiträge.

Mir bleibt zum Schluss nur noch, den Mitgliedern der Geschäftsstelle in Solothurn, meinen Kolleginnen und Kollegen von der Arbeitsgruppe CerAdult sowie den Assistenzpersonen, die jedes Jahr freiwillig und selbstverständlich für die Teilnehmenden bereitstehen, herzlich zu danken für die tolle Zusammenarbeit. Meinem Nachfolger Herr René Kälin vom Zentralvorstand wünsche ich einen guten Start in seine Arbeit.

Und nun: Tschüss zäme!

Yvonne Hämmig

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